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Ein besonderer Städtetrip: Wintertage in Winnipeg

Ein französisches Winterfestival, ein Schneelabyrinth in Rekorddimension, Radfahren auf einem zugefrorenen Fluss. Dazu indigene Kunst und kulinarische Erlebnisse auf Topniveau, üppigste Frühstücksportionen und Menschen, die einem das Ankommen und Wohlfühlen leicht machen. Winnipeg, die Hauptstadt der kanadischen Provinz Manitoba, ist mein persönlicher Tipp für einen (Winter-)Städtetrip nach Nordamerika. 

Winter in Winnipeg_Festival du Voyageur_©Andrea C. Bayer

Winnipeg ist die erste Stadt in Kanada, die ich in meinem Leben betrete. Meine Neugier ist groß und die Reise von inzwischen eher ungewohnter Dimension: Ich fliege nur noch selten, bestreite die meisten meiner Reisen mit Bus und Bahn und habe mich für dieses „Experiment Kanada“ sehr bewusst entschieden. Kulturelle und landschaftliche Parallelen zu meinen Lieblingslandschaften in Nordeuropa sind der Grund, weswegen ich mich einem weiteren Kulturkreis öffnen und widmen möchte. Dass ich dafür mitten in Kanada und in einer der weniger bekannten Prärieprovinzen starte, ist so viel Zufall wie Kalkül. Zufall, weil es natürlich Alternativen gibt. Kalkül, weil ich in der Beschäftigung mit Kanada als Ziel für Reisen mit Rechercheanteil von Anfang an Regionen fokussiert habe, die mir hierzulande weniger populär erscheinen. 

Indoor-Garten und Kellercafé

So stehe ich jetzt also in Winnipeg. An einem Abend im Februar, frisch gelandet und mit einem Koffer voll dicker Winterkleidung und Wärmepads für die Akkus von Kamera und Blutzuckermessgerät und einem Kopf, der mit den vielen neuen Eindrücken noch lange beschäftigt sein wird.
Ich tausche die eisige Kälte direkt gegen einen großen Kontrast und besuche exotische Schmetterlinge und Pflanzen im Indoor-Garten „The Leaf“. Der ist ein beliebtes Ziel für Einheimische und Gäste. Ich schmunzle, als ich erfahre, dass die Dachkonstruktion des Gebäudes der Fibonacci-Zahl folgt. Über ihre Bedeutung und ihr Vorkommen in der Natur habe ich im letzten Jahr im Nördlichen Schwarzwald viel Neues gehört.

Nach ein paar Stunden Schlaf bin ich bereit für mehr. Ich stehe in der Schlange vor dem Café „Clementine“. Während der Wind eisig um Hausecken pfeift, üben sich die Pegger, wie die Einwohner von Winnipeg genannt werden, in Geduld. Im „Clementine“ kann man nicht reservieren; die Stufen in das gemütliche Kellerlokal geht hinab, wer an der Reihe ist, sobald wieder ein Tisch frei wird. Ich wärme mich an meinem Kaffeebecher auf und bekomme zum Frühstück eine Portion serviert, die mich gewiss lange satt macht. Der Toast mit Pilzen ist meine Empfehlung zum Start in den Tag.

Mit dem Eisfahrrad über die Flüsse

Ein Wintertag in Winnipeg findet immer auch draußen statt. Das kanadische Volk liebt Schlittschuhlaufen und Eishockey. In Winnipeg saust man, so höre ich es gleich in mehreren Gesprächen, sogar in der Mittagspause übers Eis. Ich probiere derweil etwas Neues aus: Mit einem Eisfahrrad ratsche ich über die dick zugefrorenen Flüsse Assiniboine River und Red River. Das fühlt sich auf den ersten Metern etwas holprig an; dann setzt der Spaß ein und ich vergesse fast, dass ich mein Gefährt nur für eine Stunde gemietet habe.

Entlang der Flüsse stehen kleine „warming huts“. Das sind individuell gestaltete Pausenplätze, die einen vor Wind und Wetter schützen. Jedes Jahr wird ein Kunst- und Architektur-Wettbewerb ausgelobt, in dem neue Häuschen entstehen. Ob vom Fluss aus oder über die parallelen Spazierwege: Alleine mit dem Erkunden dieser „warming huts“ kann man Stunden verbringen. Es ist eine wahre Freude, die positive Energie der ausgeprägten Winterliebe in Winnipeg zu spüren.

Winter in Manitoba_Outdoor in Winnipeg_©Andrea C. Bayer
Winter in Winnipeg_Städtetrip Februar_©Andrea C. Bayer

Indigene Kunst zum Staunen

Der Wechsel zwischen draußen und drinnen gehört fest zum kanadischen Wintererlebnis. Bei gut und gerne minus 40 Grad und Windchill obendrauf ist es wichtig, sich immer wieder aufzuwärmen. An der Flusskreuzung geht das hervorrand im Schlenderparadies „The Forks“. Wo nachweislich schon vor 6.000 Jahren Handel getrieben wurde, gibt’s heute in zahlreichen kleinen Gastronomie-Einheiten Fish and Chips, Tacos und Zimtschnecken. Dazu laden Boutiquen mit lokalem und regionalem Kunsthandwerk, Lebensmitteln und Büchern zum Stöbern ein. Und im Erdgeschoss werden Schlittschuhe verliehen. Natürlich. 

Ein weiterer Drinnen-Stopp, für den man gar nicht genug Zeit einplanen kann, ist die „Winnipeg Art Gallery“ mit dem 2021 eröffneten „Qaumajuq Inuit Art Centre“. Das beherbergt die weltweit größte öffentliche Sammlung an zeitgenössischer Inuit-Kunst. Mich beeindrucken filigran gearbeitete Gesichter von Frauen und Kindern, die in Knochen geschnitzt wurden. Mein Blick verliert sich in den Details großformatiger und farbenfroher Bilder. Ich tauche ein in die Geschichten einzelner der insgesamt knapp 14.000 Exponate und in das, was „Qaumajuq“ ausmacht: Es ist vielmehr Kulturzentrum als Museum, geschaffen als Ort der Begegnung, des Bewahrens und des Lernens. Ganz im Sinne der Traditionen und Werte der First Nations.

Ein Winterfestival mit Musik, Tanz und Geschichte

Wer Mitte Februar nach Winnipeg reist, sollte sich nicht das „Festival du Voyageur“ entgehen lassen. Das größte Winterfestival in Westkanada ist ein Ort der guten Laune und ein Ort für die ganze Familie. Hier rollt man Ahorn-Toffees auf eisigen Tresen zu Lollys am Stil, schaut Künstlern beim Bearbeiten riesiger Schneeskulpturen zu und sitzt zwischendurch gemütlich am Feuer. Dann geht es hinüber in den historischen Teil von „Fort Gibraltar“, wo einen Menschen in originalgetreuen Röcken, Mänteln und Uniformen in die Zeit des Pelzhandels entführen. Die Gebäude sind ein Nachbau des ursprünglichen Handelspostens, aus dem heraus sich ab 1809 die Stadt Winnipeg entwickelte. 

Das frankophone Festival fand 1970 zum ersten Mal statt. Es dient der Unterhaltung, dem guten Miteinander und dem Feiern der französischen Sprache und Kultur in Kanada. Hier trifft man fröhliche Menschen mit dicken Pelzmützen, farbenfrohen Trachten und kunstvollen traditionellen Ornamenten an unterarmlangen Handschuhen. Ich spüre: Die Stadt ist im Festival-Fieber. Egal, wie kalt die Temperaturen sind. Egal, wie laut der Wind pfeift. Hier wird gefeiert, auf angenehme Art und so, dass auch ich am Abend schnell anfange, im Takt zu wippen und zu klatschen und Liedtexten in französischer Sprache zu folgen. 

Mein bester Tipp fürs „Festival du Voyageur“: Hingehen, Ticket kaufen und entspannt treiben lassen!

Ein eisiges Labyrinth und ein herzliches Auf Wiedersehen

Treiben lassen ist auch das Stichwort fürs „Snow Maze“ in St. Adolphe. Zehn Autominuten südlich von Winnipeg sucht man hier den Weg durch das laut Guinessbuch der Rekorde weltgrößte Schneelabyrinth. Über menschhohe Wände versperren den Überblick. Aus einem „ja, kommt, hier entlang“ wird schnell ein „ach nee, doch nicht“. Zwischendurch erkundet man Schneeschlösser, eine Eisbar und kunstvoll in Schneewände geschnitzte Figuren. 

Ob meine kleine Gruppe am Ende tatsächlich am richtigen Ende aus dem Labyrinth gekommen ist, weiß ich bis heute nicht. Doch was zählt, ist: Wir haben unseren Weg gefunden und unter unseren Mützen-Kapuzen-Schal-Gesichtern mehr als einmal herzlich gelacht. Dieser kleine Ausflug ist also unbedingt zu empfehlen.

Schneelabyrinth Winnipeg_©Andrea C. Bayer
Snow Maze_Winnipeg_©Andrea C. Bayer

Für mich gibt’s schließlich nur eine Sache, die ich in Winnipeg bereue: Ich habe zu wenig Zeit eingerechnet. Vor lauter Vorfreude auf noch mehr Winter im Riding Mountain National Park war der Besuch in der Hauptstadt von Manitoba zunächst eher als kurzes Ankommen gedacht. Das mauserte sich flugs zu einem tiefen Gefühl des Willkommenseins, das sich auf meiner nächsten Winter- und später auf meinen Sommerstationen in Kanada fortsetzen wird.

Mein Start in Nordamerika ist geglückt. Die Prärieprovinz hat mein Winterherz im Sturm erobert. Ich bin gespannt auf mehr und habe bereits Ziele für mein nächstes Mal: Das „Canadian Museum for Human Rights“ steht ganz oben auf der Winnipeg-Liste. Dazu unbedingt mehr Zeit zum Genießen und Schlendern und für Treffen mit lieben Menschen, die sich beim Abschied sicher sind: „Wir sehen uns wieder.“ 

Winnipeg im Winter_Fort Gibraltar_©Andrea C. Bayer

Infos & Tipps

Hinkommen und rumkommen:
Manitoba liegt im Herzen von Kanada. Von Deutschland aus fliegt man z.B. von Frankfurt am Main mit Air Canada über Toronto oder Montréal nach Winnipeg/Manitoba. In die Innenstadt von Winnipeg gelangt man mit dem Taxi in etwa zehn Minuten. Es gibt auch Buslinien.

Wer weitere Regionen erkunden möchte, bucht sich am besten ein Mietauto. Dabei unbeding beachten: Das Autofahren im richtigen Winter kann einem ganz schön was abverlangen. Dabei sind die Highway-Strecken durch die verschneite Provinz ein beeindruckendes Erlebnis: Die reduzierten Winterfarben wirken in der schier unendlichen Weite der Prärie besonders intensiv.

Übernachten mit Kultur und Genuss:
Ich habe im Hotel Wyndham Garden Winnipeg Airport gewohnt. Das lohnt sich besonders, weil es einen wunderbaren Einstieg in die Beschäftigung mit der indigenen Kultur und ihrem Bogenschlag zum heutigen Alltagsleben bietet. In den Gängen und auf den Zimmern ist man von indigener Kunst umgeben. Das Hotel ist zweisprachig: Alles ist in Englisch und in Ojibwe ausgeschildert. Es ist das erste Hotel in Winnipeg, das in indigenem Besitz ist und auf dem Grund des ersten städtischen Reservats auf Treaty 1-Gebiet errichtet wurde. Seine Architektur symbolisiert den Kreislauf des Lebens. 

Die Hälfte der Angestellten hat einen indigenen Hintergrund; 80 Prozent der Mitarbeitenden sind Frauen. Unter ihnen ist Chefköchin Jennifer Ballantyne. Zusammen mit ihrem Team zaubert sie Kreationen, die ihren Ursprung in ihrer erdgebundenen Kultur und in regionalen Zutaten aus Manitoba haben. Das Restaurant „Manoomin“ ist auch für externe Gäste geöffnet und definitiv eine Empfehlung. (Natürlich sind die Portionen auch hier riesig und der Service ist so ehrlich-freundlich, dass man selbst nach einer langen Reise hier schnell ankommt.)

Ein besonderer Kulinarik-Tipp zur Winterzeit:
Zugegeben: Das RAW:almond-Festival ist kein ganz günstiges Vergnügen, aber eines, das einmal mehr widerspiegelt, wie natürlich Einheimische und Gäste in Winnipeg gemeinsam genießen. An hübsch gemusterten Tischen unter den schützenden Wänden temporärer Holz-Glitzer-Wärme-Architektur gibt’s zu ausgewählten Daten spannende Kreationen von Top-Köchen, die zusammen mit dem Gründer Mandel Hitzer Menüs von an die zehn Gängen servieren. Zubereitet in nahezu unglaublicher Ruhe in einer hervorragend ausgestatteten, aber kleinen Küche, welche ebenfalls in der Zeltarchitektur untergebracht ist, die traditionell auf dem gefrorenen Fluss oder, bei minder sicherer Frostlage, an dessen Ufer aufgebaut wird.

Wie offenbar überall in Winnipeg, ist die Atmosphäre entspannt und positiv. Menschen in Jeans und Wollpullover genießen neben Gruppen in Abendkleidung und Pelzmänteln. Ohne Berührungsängste, ohne Barrieren. Und mit der Möglichkeit, zwischendurch sogar zu Mandel und seinen Teams in die Küche zu schauen.

RAW:almond_Winnipeg_©Andrea C. Bayer

Alle Links und Informationen: Stand Dezember 2025.

Dieser Beitrag entstand in der Folge einer von Destination Canada, Travel Manitoba und Tourism Winnipeg unterstützten Recherchereise. Er ist unbezahlt und unbeauftragt und gibt, wie gewohnt, meine echt-ehrlichen Eindrücke wieder. 

A huge THANK YOU to all of you who made this trip possible and turned it into such a memorable adventure. Special THANX to you, Karin, Kit, Lynn, Miles and Taylor.

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