Das Thermometer zeigt minus 41 Grad an. Der Himmel ist pastellig klar und meine Wangen strahlen in gesundem Rot. Gleich geht die Sonne auf im Riding Mountain National Park. Es ist ein typischer Wintermorgen in der kanadischen Provinz Manitoba. An einem Tag, den man hier ganz selbstverständlich mit starken Kontrasten füllt: mit Schneeschuhwandern, Eisangeln und Aufwärmen mit knusprigem Bannock vom offenen Feuer.
Ob es daran liegt, dass ich an einem sonnig-kalten Wintertag mit ordentlich Neuschnee geboren wurde? Ich liebe richtige Winter, die Kälte und das gute Gefühl, das folgt, wenn man sich mit größerer Anstrengung als im Sommer draußen bewegt. In Manitoba bekomme ich kaum genug von Berg- und Talfahrten mit dem Tretschlitten, Schneeschuhmomenten im Winterwald und regelmäßigem Aufwärmen am Lagerfeuer.
Auf Schneeschuhen durch den Winterwald
Es ist Februar, als ich zum ersten Mal kanadischen Boden betrete. Ich erkunde Winnipeg und freue mich auf meine Tage im Riding Mountain National Park. Der liegt drei Autostunden nordwestlich von Winnipeg und ist ein beliebtes Ganzjahresziel für Einheimische. Wandern, Fischen, Tierbeobachtung, Fatbike-Touren – hier geht alles von ruhig bis Action. Ich mag Zeit im Draußen am liebsten mit intensiver Bewegung und stillen Momenten. Solchen, in denen ich weit weg bin vom Alltagslärm und in denen der Fokus Geräuschen, Gerüchen und Gefühlen des Augenblicks gilt.
Als ich mit meinen Schneeschuhen an den Füßen innehalte, überrascht mich so ein Moment: So laut wie lange nicht höre ich meinen eigenen Herzschlag. Die Bäume und Büsche um mich herum tragen dicke Schneehauben. Der Himmel ist wolkenlos blau. Ich habe zwischendurch sogar meine Handschuhe ausgezogen. So warm fühlt sich der Moment an. Außer meinem Herzschlag höre ich nichts. Es ist absolut still. Auch meine beiden Mitreisenden Kit und Miles haben angehalten. Sie stehen ein paar Meter entfernt von mir. Wir genießen – zusammen und doch jeder für sich.
Wir sind auf dem Brûlé Trail unterwegs. Der ist gerade einmal gut vier Kilometer lang und kann auf zwei Kilometer abgekürzt werden. Ich könnte die Schleife an diesem Nachmittag wieder und wieder gehen. Mit ihren sanften Anstiegen und in dieser, wie ich finde, so wunderbar wohltuenden Bewegung des Schneeschuhgehens. Mir gefällt das großfüßige Stapfen im Schnee und ich stelle mir vor, wie es hier wohl später im Jahr aussieht.
Die Übersichtskarte von Parks Canada lässt erahnen, dass man im Riding Mountain National Park und insbesondere im westlichen Teil auch wunderbar wandern kann. Das Trailsystem ist super ausgeschildert. Auf offiziellen Zeltplätzen darf übernachtet werden. Die sind mit bärensicheren Schränken ausgestattet, in die man all das packt, was in Anbetracht der Wildlife-Situation im Zelt nichts verloren hat.
Gemütliche Nächte und ein frostiger Morgen
Noch aber ist Winter und ich übernachte nicht im Zelt, sondern in einem besonderen Tiny House: Die Turtle Shells sind ebenso sichere wie gemütliche kleine Übernachtungseinheiten. Sie stehen im Wald und inmitten der Infrastruktur des Campingplatzes von Wasagaming. Das ist der zentrale Ort des Nationalparks. Etwa 30 Menschen leben hier.
Zugegeben: Mich für den morgendlichen Weg ins Duschhaus erst einmal in die volle Wintermontur mit sechs Lagen Kleidung zu begeben, ist schon etwas aufwändig. Der kleine Gasofen wärmt derweil meine Hütte; unter der Bettdecke aber war’s doch gemütlicher. Die Kälte beißt mir ins Gesicht, als ich die Tür öffne. Der Blick in den noch nachtschwarzen Himmel entschädigt: Er ist übersät mit Sternen. Der Schnee um mich herum leuchtet. Ja, es ist kalt. Und doch fühlt es sich selbst hier draußen irgendwie gemütlich an.
Zum Sonnenaufgang stehe ich auf dem Clear Lake. Der See mit dem überdurchschnittlich klaren Wasser macht seinem Namen im Sommer alle Ehre. Jetzt im Februar ist er über einen halben Meter dick gefroren. Der Wind des Vortages hat den auf ihm liegenden Schnee neu geformt. Ich stapfe durch Verwehungen und alle paar Schritte verändert sich der Klang unter meinen Füßen. Ich bleibe stehen. Die Pastellfarben am Himmel sind noch etwas gedämpft. Die Weite des Sees liegt friedlich vor mir. Ein Selfie macht die Kälte sichtbar: Nach wenigen Minuten trage ich Manitoba-Mascara. So nennen die Einheimischen das Eineisen von Wimpern, Augenbrauen und Haaren.
Üppiges Frühstück und Skulpturen aus Eis
Zum Frühstück bin ich mit meiner kleinen Reisegruppe im Lakehouse verabredet. Ich spüre an den Beinen, dass es Zeit wird, wieder ins Warme zu gehen, und verharre doch noch einen Moment: Gleich steigt die Sonne über den Häusern von Wasagaming empor. Um 8.13 Uhr erreichen erste Strahlen mein Gesicht. Ich schließe kurz die Augen. Dann bin ich bereit für einen neuen Tag, für Gesellschaft und vor allem für ein üppiges Frühstück.
Frühstück kann man in Kanada ebenso prima wie Winter. Die Portionen sind riesig und die herzhaft-süßen Kreationen eine ideale Grundlage für intensive Draußentage. Ich gewöhne mich schnell daran und muss doch jeden Morgen aufs Neue lachen, wenn Teller mit hoch aufgeschichteten Waffelbergen mit Obst, Speck und Ahornsirup auf den Tisch gepuzzelt werden. Immer wieder höre ich den Satz „wir brauchen die Energie, wenn es so kalt ist“. Das leuchtet mir ein. Allerdings werde ich später im Jahr feststellen, dass kanadische Frühstücke im Sommer nicht sparsamer ausfallen als im Winter.
Nach dem Frühstück bewundere ich Eisskulpturen und bedauere es kurz, dass das Infozentrum des Nationalparks heute nicht geöffnet hat. Dafür bleibt mehr Zeit für die nächste Aktivität: Bei den Friends of Riding Mountain National Park kann man allerhand Ausrüstung für Draußenabenteuer leihen. Ich bin neugierig auf den Tretschlitten. Der ist ja auch in Nordeuropa beliebt. Und doch habe ich das Tretschlittenfahren noch nie ausprobiert. Die ersten Meter fühlen sich ungewohnt an. Schnell habe ich den Dreh raus. Dann bin ich nicht mehr zu bremsen. Macht das Spaß! Wieder und wieder ächze ich mit meinem kleinen Gefährt den Berg am Ortseingang hinauf, drehe um und sause hinab. Treten, balancieren, lenken – ich würde am liebsten eine Tageskarte für dieses Outdoor-Fitnessstudio lösen! „Komm, wir setzen uns nochmal ans Feuer!“, ruft mir Miles zu. „Gleich“, rufe ich zurück. Eine Runde bergauf-bergab schaffe ich vorher noch!
Mein erstes Mal Eisangeln
Mit glühenden Wangen sitzen wir am Feuer. Wir halten lange mit Bannock-Teig umwickelte Stöcke über die Glut. Das warme Brot tut gut. Ja, der Körper verlangt nach deutlich mehr Energiezufuhr in dieser Kälte.
Bannock gehört zu Kanada wie seine Schwarzbären. Letztere bekomme ich nicht zu Gesicht. Sie halten Winterschlaf. Bannock hingegen gibt’s zu jeder Tages- und Jahreszeit und auch dann, als wir uns wieder mitten auf dem See befinden, in einem geräumigen Zelt und mit Angelruten in den Händen. Wir sind mit Ashley Smith verabredet. Ashley und ihre Familie betreiben sowohl das Turtle Village mit den Turtle Shells als auch das Eisangel-Camp auf dem Clear Lake. Sie ist die erste Familie mit indigenen Wurzeln, die hier, auf dem Heimatland der Anishinaabe, Erlebnisse für Gäste anbietet, die ihre Kultur kennenlernen möchten.
Der Riding Mountain National Park liegt im sogenannten Treaty 2-Gebiet. Er ist einer von zwei Nationalparken in Manitoba. Eröffnet wurde er im Mai 1933. Seit 1986 ist er von der UNESCO als Biosphärenreservat klassifiziert. Inmitten der Manitoba dominierenden Prärielandschaft umfasst der Nationalpark schützenswerte Ökosysteme wie den borealen und Laubwald und große Flächen an Weideland. Hier sind unter anderem Wölfe und Luchse, Elche, Schwarzbären, Bisons und Weißwedelhirsche zuhause. Und jede Menge Fische: Zander, Hechte oder Forellen könnte ich mit meinem Angelköder anlocken.
Auch das Fischen hat Tradition, bei den indigenen Völkern und bei den Besuchern des Nationalparks. Bedächtig führe ich meine Angel auf und ab. Immer wieder erschrecke ich, denke, es hat womöglich etwas angebissen. Dabei wird nur das Wasser in meinem Eisloch wieder fester und Eisbrocken klammern sich um die Angelschnur. Ich bin froh, dass es nur Eis ist, um das ich mich kümmern muss, und kein Fisch. Es ist mein erstes Mal Angeln. Was mich trotz meiner Draußen- und Wasserliebe nie interessiert hat, fühlt sich hier draußen und zusammen mit Ashley und ihrer Familie recht natürlich an.
Miles hat inzwischen die Angel zur Seite gelegt und formt kleine Bannockfladen. Die backen auf dem Ofen, der unser Zelt wärmt, aus. Mmmh!
Mittagessen im Winterzelt
Als wir mit klammen Fingern und den dicken Mützen auf den Köpfen später auf unser Mittagessen anstoßen, sind wir uns einig, dass wir gut und gerne noch ein paar Tage bleiben könnten. Das Spiel zwischen draußen und drinnen tut gut, die richtige Kälte ebenso. Auch unser finales Mittagsmenü mit saftigen Burgern und heißen Pommes schmeckt nach mehr: Vor dem Lakehouse gibt es ein kleines durchsichtiges Zelt. Das ist nur spärlich beheizt und bietet Platz für maximal acht Personen. Hier sitzen wir. Ich trinke abwechselnd Weißwein und Tee. Mit den Pommes muss ich mich beeilen; schnell werden sie kalt. Es ist das kälteste gesetzte Mittagessen, das ich je erlebt habe. Zugleich ist es eines von denen, die gewiss ein Leben lang in Erinnerung bleiben.
DANKE, Manitoba, für so viel echten Winter! Ich bin bereit für mehr. Die Idee einer Mehrtageswanderung im späten Herbst manifestiert sich weiter, als ich am letzten Abend noch einmal völlig entspannt in den Nachthimmel von Manitoba blicke. Eingetaucht in ein warmes Außenbecken des Klar Sø Spas, die eisige Luft im Gesicht. Was für ein Erlebnis!
Infos & Tipps
Hinkommen und rumkommen:
Von Deutschland aus fliegt man z.B. von Frankfurt am Main mit Air Canada über Toronto oder Montréal nach Winnipeg/Manitoba. Von dort aus erreicht man den Riding Mountain National Park mit einem Mietwagen. Die Fahrt dauert etwas drei Stunden. Sie führt über Highways durch die Prärie. Die weiße Weite lohnt den einen oder anderen Fotostopp.
Riding Mountain National Park:
Der Riding Mountain National Park ist knapp 3.000 Quadratkilometer groß. Er ist einer von zwei Nationalparken in der Provinz Manitoba und sticht durch seine Landschaftsmischung aus Weideland und borealem und Laubwald hervor.
Der Nationalpark ist das Zuhause zahlreicher Tiere, von Schwarzbären über Luchse, Wölfe, Stachelschweine und Weißwedelhirsche bis zu einer Bisonherde.
Das ganze Jahr über ist der Riding Mountain National Park ein beliebtes Urlaubs- und Ausflugsziel für Einheimische.
Übernachten und essen:
Im Riding Mountain National Park gibt es etliche Übernachtungsmöglichkeiten vom Campingplatz über Ferienhäuser bis zu Hotels und Resorts. Aus eigener Erfahrung empfehle ich Dir gerne das Turtle Village bei Wasagaming: Die Turtle Shells sind minimalistisch-gemütlich eingerichtet, mit einem Bett für zwei Personen, einer kleinen Sitzecke mit Klapptisch und gasbetriebenem Ofen. Die Idee: Die Cabins sind nachhaltig, autark und naturnah und schützen durch ihre Bauweise wie ein Schildkrötenpanzer vor Wetter und wilden Tieren. Sanitäranlagen gibt’s fußläufig von den Turtle Shells auf dem sie umgebenden Campingplatz.
Zentral in Wasagaming liegt das Lakehouse. Das Boutique Hotel hat 15 Zimmer und ist tagein, tagaus für Aufwärmstopps zu empfehlen. Das Essen ist toll, die Portionen sind groß und der Service ist ausgesprochen freundlich und geduldig. (Wie soll man sich denn alleine bei einer Frühstückskarte, auf der alles großartig kingt, schnell entscheiden können? 😉 Mein Tipp: „Ellie’s Prairie Wildberry Waffle“ und mindestens einmal die knusprigen „tater tots“, eine Art Kartoffelkroketten, probieren!)
Aktivitäten im Winter:
Wer im Winter in den Riding Mountain National Park kommt, nimmt sich am besten ein paar Tage Zeit. Zum entspannten Genießen, Spazierengehen am und auf dem gefrorenen Clear Lake und für Aktivitäten wie Eisangeln mit der Familie von Ashley Smith und das Ausprobieren von Tretschlitten bei den Friends of Riding Mountain National Park. Die Non-Profit-Organisation verleiht Ausrüstung und sorgt auf ihrem Gelände am Ortseingang von Wasagaming für gemütliche Momente am Feuer. Hier gibt’s Marshmallows und Bannock-Teig und Stöcke, auf denen man beides im Feuer grillt. Schnell kommt man mit anderen Gästen ins Gespräch und erlebt, was so typisch ist für Kanada: Man fühlt sich einfach wohl, uneingeschränkt und überall.
Wer’s etwas actionreicher mag, mietet sich ein Fatbike. Den See entlang führen Schlittschuh-Trails und die Wälder des Nationalparks erkundet man am besten auf Skiern und Schneeschuhen.
Mein Extra-Tipp:
Fünf Autominuten vom Zentrum von Wasagaming entfernt liegt das Elkhorn Resort mit seinem Nordischen Spa. Klar Sø Nordic Spa ist gerade im tiefsten Winter ein besonderes Erlebnis. Dann ist der Kontrast zwischen Außen- und Outdoorbeckentemperatur groß und all das, was man hierzulande schon als wohltuend empfindet, noch viel intensiver.
Warmhalte-Tipps:
Die Wintertemperaturen in Manitoba erfordern Vorbereitung: Mehrere Lagen Kleidung sind ebenso Pflicht wie dicke, wasserdichte Winterstiefel. Dazu Mütze(n), warme Handschuhe und Schal und/oder Schlauchtuch, um auch das Gesicht weitgehend bedecken und schützen zu können.
Hand- und Fußwärmer gehören zur kanadischen Grundausstattung und sind in meinem Fall vor allem für Kameraakkus und Blutzuckermessgerät unverzichtbare Helferlein. Letzteres trage ich in einer Innentasche meiner Jacke und damit körpernah. Auch das für mich als Diabetikerin lebensnotwendige Insulin habe ich im Rucksack in der Nähe eines Wärmepads verstaut, damit es nicht gefriert.
Weitere Infos zur Provinz Manitoba:
Travel Manitoba
Alle Links und Informationen: Stand Dezember 2025.
Dieser Beitrag entstand nach einer von Destination Canada, und Travel Manitoba unterstützten Recherchereise. Er ist unbezahlt und unbeauftragt und gibt, wie üblich, meine echt-ehrlichen Eindrücke wieder.
A huge THANX to all of you who contributed to this fantastic winter adventure, especially to you, Karin, Kit, Lynn and Miles. ![]()









2 Antworten
Toller Beitrag und klasse Fotos! 🙂 LG Steffi
Vielen Dank fürs Vorbeischauen, Lesen und die netten Worte, liebe Steffi! 😊
(Manitoba macht es einem leicht in Sachen Fotomotive. Ich wünschte nur, wie so oft, ich hätte mehr Zeit gehabt. Auch, weil’s eine so entspannte und menschlich angenehme Region ist. So eine, die sich vom ersten Moment an richtig gut anfühlt.)