Die erste richtige Winterwanderung des Jahres ist für mich jedes Mal etwas Besonderes. Kälte. Stille. Der durch die weiße Decke auf Seen, Wegen und Bäumen so sauber wirkende Anfang von etwas Neuem. Dazu dieses irgendwie wohlige Gefühl der weichen Schneeflocken auf Mütze, Haut und Handschuhen. Ich mag die Stimmung und ich mag es, wenn ich sie möglichst ungestört genießen kann. So wie an jenem Wochentagnachmittag im Söderåsen-Nationalpark im südlichen Schweden.

Wintergefühl auf Knopfdruck

Es ist nicht nur die erste Schneerunde in diesem Jahr, sondern auch mein erster richtiger Winter in Südschweden. Ich will raus, erkunden und – nach ziemlich viel Mist und Trubel der letzten Wochen – den Kopf frei kriegen. Zumindest für einen Moment.
Wir sind kaum aus dem Auto ausgestiegen, an der Infotafel am Parkplatz des Besucherzentrums Skäralid vorbeigestapft, als sich das Wintergefühl fast wie auf Knopfdruck einstellt: Der kleine See Skärdammen liegt eisbedeckt im grauen Wolkendunst vor uns. Die Wege sind gefroren und der Schnee unter den Füßen ist schon platt getreten. Wir haben keinen richtigen Plan für heute, gehen einfach los – anders als sonst auf der linken Seite des Sees entlang. Die Holzbohlenwege sind glatt. Eine freundlich-fröhliche Mitarbeiterin des Nationparks hantiert mit einer kleinen Säge an einem Baum herum, der quer über den Weg liegt. Sie ist die Einzige, die wir heute treffen sollen. Fantastisch! So ist das ganz nach meinem Geschmack.

Wo wir hinwollen, fragt sie. Hilfsbereit, denn angeblich ist “die blaue Route” etwas ungemütlich. “Da kriegt ihr nasse Füße”, meint sie. Mich hält das nicht davon ab, der blau markierten Strecke zu folgen. Schließlich kennen wir die noch nicht. Bald schon wissen wir, was die junge Frau meinte: Der Wasserstand im Bach ist recht hoch, der eigentliche Weg auf einem Stück verschwunden. Umkehren ist jedoch noch keine Option; ich versuche es – und hangle mich von Stein zu Ast zu einem aus dem Nass guckenden Hügelchen. Es klappt, wir kommen weiter!

Shelter, Sitzschaf, Weihnachtsplätzchen

Unterdes folgt das Wetter artig der Prognose: Leichter Schneefall setzt ein. Uns wird derweil immer wärmer: Der Schnee ist tiefer als auf den ersten Metern, Spuren gibt es kaum mehr und wir kraxeln immer mal wieder über Baumstämme. Noch öfter allerdings muss ich einfach anhalten – und genießen. Diese Kulisse ist so wunderschön. Der kleine Bach. Das Rotkehlchen, das munter um uns herumflattert. Das reine Weiß, das Bäume, Hänge und Felsen bedeckt. Dazu Eiszapfen und -gebilde in teils schon beachtlichen Größen. Winter!

Kurz vor unserem Etappenziel Liagården, das wir uns auf dieser nun also eingeschlagenen blauen Route gesetzt haben, wird’s etwas sportlich: Wir verlieren an einer Abzweigung die Markierung, folgen vereinzelten Fußspuren, bergauf. Ob das ganz richtig ist, wissen wir nicht. Wohl aber, dass wir nach oben müssen, um zum Pausenshelter zu kommen.
Kaum haben wir uns mit Decke, unseren fein wärmenden Sitzkissen aus Schafwolle und heißem Tee eingerichtet, nimmt der Flockentanz zu. Dick-weicher Schnee fällt vom Himmel. Ich zünde das Spiritustöpfchen im Trangia an, rühre im vorgekochten Gemüse-Reis-Eintopf herum. Das Teelicht im Glas und die von unseren Eltern gebackenen Plätzchen sorgen für zusätzliche Winterstimmung. Kalt ist’s, gemütlich ist’s – genau das, was ich an diesem Tag für echtes Kopffrei brauche!

Die Magie von Nebelgrau und Raureifweiß

Wie gerne würde ich bleiben! Eingemuckelt in meinen Winterschlafsack. Dem Draußenkaffee am Morgen schon jetzt entgegensehend … Statt weiterer Träumerei gibt’s einen Abschlusskaffee, dann packen wir zusammen. Die Tage sind kurz und der Körper kühlt einfach schnell aus in winterlichen Pausen.
Also: Rucksack wieder aufgesetzt, Mütze über die Stirn gezogen und Handschuhe an. Wortlos ziehen wir weiter. Schneefall und Ruhe genießend. Nur hier und da knackt ein Ast unter unseren Füßen.

Als wir am Aussichtspunkt Hjortsprånget ankommen, wabern tief hängende Wolkenschwaden durch das unter uns liegende Tal. Die Äste sind mit dickem Reif überzogen; Grautöne dominieren das Bild. Was für eine Stimmung!
Gute zehn Kilometer zeigt die Uhr an, als wir die Runde schließen. Nicht arg viel, aber so reich an Eindrücken, dass wir gar nicht anders können, als ein bisschen Kopffrei mit nach Hause zu nehmen …

Ein paar Infos:

Start und Ziel der Runde ist der Parkplatz am Besucherzentrum/”Naturum” Skäralid. Ein Netz aus gut ausgeschilderten Rundwanderwegen und dem Weitwanderweg Skåneleden ermöglicht kürzere und längere Strecken, die man prima nach eigenem Belieben kombinieren kann.

Wir folgen an diesem Wintertag der blau markierten Strecke, “Hjortsprångsrundan”. Die ist laut Karte 7,7 Kilometer lang. Wir machen den einen oder anderen Abstecher und kommen so auf gut zehn Kilometer. Besonders schön: Die Route verläuft zur Hälfte im Tal und zur anderen Hälfte auf der Anhöhe. Tolle Aussichten inklusive!

Der Nationalpark Söderåsen umfasst eine Fläche von 1.625 Hektar. Er wurde im Jahr 2001 eingerichtet und fasziniert mit seinem tiefen Tal, den teils massiven Felsblöcken und Geröllhängen und dem Kontrast zwischen sanft plätscherndem Bachlauf, steilen Klippen und satten Wäldern. Es gibt zwei Haupteingänge, den am “Naturum” Skäralid und einen in Röstånga, im südlichen Teil von Söderåsen.

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