Während unser Fokus dem Erlebnis in der Natur gilt, spüren und erleben wir Kultur und Geschichte, ohne dass uns das in jedem Moment bewusst ist. Beim Wandern durchschreiten wir Landschaften, deren Ursprünge weiter zurückreichen als unser Vorstellungsvermögen. Beim Paddeln gleiten wir über tiefe Seen, riesige Meere und rauschende Flüsse hinweg. Und ganz nebenbei bewegen wir uns zwischen Zeiten, Kulturen und Geschichten.
Ein Schild, das auf eine ehemalige Burganlage hinweist. Die Kirche auf dem Berg, von der aus man einen fantastischen Ausblick hat. Der kleine Hofladen mit seinen frisch geernteten alten Möhrensorten im Angebot. Das ist die Art Kultur, die wir wahrnehmen und die uns mitunter mehr oder weniger sanft von Akteuren der Tourismus- und Regionalentwicklung vermittelt wird. Daneben erzählen Landschaftsformen und nicht selten Wegeführungen selbst von uralter Geschichte: Wir gehen über Schmugglerpfade und solche, die in Kriegszeiten in den Fels gehauen wurden. Wir finden Fossilien an Stränden und in Steinbrüchen der Mittelgebirge. Sie sind stumme Zeugen vergangener Zeiten: Wo wir heute Wälder, Wiesen und Wellensäume durchstreifen, hausten einst längst ausgestorbene Wesen und Vorfahren unserer tierischen Mitbewohner.
Geheimnisse der Landschaften
Auf meiner ersten Mehrtageswanderung im nördlichen Luxemburg habe ich mich gefragt: „Warum sieht diese Landschaft so aus, wie sie aussieht?” Mich hat etwas irritiert, was ich nicht mit den Landschaftsformen zusammen bekam, die ich kannte. Ich wollte, wie so oft, den Ursprüngen auf den Grund gehen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Wenn ich ins Gebirge fahre, rührt mich die Macht der Steinriesen, und Wanderungen in Moorgebieten erinnern mich an die Jahrtausende währenden Prozesse, die Moorkörper wachsen lassen.Was ich erfahre, während ich mich zu Fuß oder paddelnd durch Lebensräume bewege, ist so viel mehr als der auf digitalen Speichermedien festgehaltene Eindruck einer Landschaft: Ununterbrochen erlebe ich Erd-, Kultur- und nicht selten gar Wirtschaftsgeschichte. Es gibt Regionen, da kommt all dies ganz offensichtlich zusammen. Etwa im Süden von Luxemburg, wo der Minett Trail durch renaturierte Abbaugebiete führt, meine Füße über rote Erde wandern und die Augen immer wieder Spuren der Bergbauvergangenheit erspähen.
Die Geschichten warten überall
Ein zentraler Aspekt des Reisens ist die Kulinarik. Ob der Wanderstart mit Croissant in Frankreich oder geräuchertes Ren in Schweden: Sich auf Esskulturen einzulassen, ist Teil der Erfahrung. Das gilt auch dann, wenn wir unseren gewohnten zeitlichen Rhythmus an fremdländischen anpassen oder am Meer besonders viel frischen Fisch und Meeresfrüchte genießen, weil sich genau das in der Kulisse von Wellen, Stränden und karger Mittelmeerinsellandschaft so richtig nach Urlaub anfühlt.
Wir treffen Menschen, die zu Botschaftern ihrer Heimat werden. Wir hören vertraute und fremde Grußformeln, erfahren ausufernde oder eher schlichte Gastfreundschaft. Wir stolpern über Schließmechanismen von Türen und über Toilettenschüsseln, die anders sind als die uns vertrauten. Manchmal bleibt uns nichts anderes übrig, als Funktionsweisen alltäglicher Gegenstände zu erfragen. Es entstehen unerwartete zwischenmenschliche Situationen, die in Erinnerung bleiben. Auch das ist Kultur. So echt, wie es nur geht.
Kurzum: Der Aufenthalt in der Natur ist so viel mehr als sportliche Betätigung, Ausblick und Picknickpause. In der Ferne und vor unserer Haustür. Da, wo in Norddeutschland Knicklandschaften, Langgräber und Tunneltäler ihre Geschichten erzählen, und da, wo es andernorts Limesmauern, erhabene Plateaus oder überwucherte Eisenbahnschienen und Felsenhöhlen mitten im Wald tun. Lasst uns die Augen aufhalten, neugierig bleiben und weitertragen, was uns überliefert wurde! ![]()








