Von einer Reise zurückzukommen, kann eine harte Erfahrung sein. Vor allem dann, wenn die Erlebnisse unterwegs intensiv waren und die Begegnungen mit Menschen Spuren im Herzen hinterlassen. Wer reist, lernt Neues kennen. Aspekte der eigenen Kultur werden durch neue Erfahrungen auf den Prüfstein gestellt. Frisches Wissen macht Freude und die eigene Welt ein bisschen größer, während sich das Alltagsumfeld weiter innerhalb der gewohnten Grenzen bewegt. Wer reist, nimmt den innerlichen Crash in Kauf.
Ich sitze am Flughafen. Toronto ist um ein Vielfaches wuseliger als Saskatoon. Nach drei Wochen höre ich wieder Deutsch. Ich freue mich auf Familie und Freunde und scheue den Moment, in dem mich schon ganz bald wieder der typisch deutsche Alltag mit seiner oftmals hausgemachten und zumeist überflüssigen Hektik, mit Misstrauen und wenig natürlichem Respekt einholt. Ich werde mich einmal mehr fragen, warum es anderswo so einfach gelingt, dass ich mich wohlfühle. Ohne Spielchen, ohne Machtdemonstrationen und mit einer Wertschätzung für einander, die man nicht in teuren Kursen lernen muss.
Wer reist und sich aus seiner Komfortblase hinausbewegt, kommt reich zurück. Mit neuen Verbindungen zu Menschen und Orten und mit Erfahrungen, die so manches relativieren. Gerade in Zeiten wie den gegenwärtigen wünschte ich, mehr Menschen würden sich mit Neugier und Offenheit hinaus in die Welt bewegen. Vorurteile und das eigene Wertungssystem dürfen getrost zuhause bleiben, während das Bauchgefühl mal wieder übernehmen darf.
Bauchgefühl
„Wenn du es hier nicht fühlst, lass es!“ Immer wieder tippt der Dakota-Älteste Gerald mit seinem rechten Zeigefinger auf seinen Bauch. Der Bauch ist „hier“. Wir sitzen am Feuer. Es ist schon spät. Den Satz wiederholt er immer wieder. Ich schaue gedankenverloren in die Flammen. Er hat so recht. Wann haben wir da drüben in Mitteleuropa eigentlich verlernt, auf unser Bauchgefühl zu hören? Manchmal wohl wissend, dass es da ist und uns etwas mitteilen möchte … Und dann krachen doch wieder Welten aufeinander: Gefühl versus Vernunft, eigener Wunsch versus Erwartung.
Wenn ich reise, ist mein Bauchgefühl ein wichtiger Begleiter. Er führt mich zu Menschen, denen ich vertraue, und weg von Orten, an denen ich mich nicht sicher fühle. Der erste Eindruck trügt selten, auch wenn es oftmals lohnt, sich auf die zweite Chance einzulassen. Auch das ist so ein Learning, das in unserem erwartungsschwangeren und von künstlichem Dauerstress gekennzeichneten Alltag gerne mehr Platz finden dürfte. Der Umgang mit kurzfristigen Planänderungen, Wetterphänomenen oder das erste Mal tanken an einer Tankstelle im Ausland lehrt uns mehr Resilienz als auf LinkedIn beworbene Workshops.
Das echte Leben, das findet noch immer da draußen statt. Wo Menschen auf Menschen treffen und wir wahre Gastfreundschaft erleben dürfen. Wo wir uns im Ungewohnten orientieren und auf Hilfe angewiesen sind, weil nicht jede kulturelle Feinheit auf den ersten Blick erkennbar ist. Idealerweise reflektieren wir auch uns selbst und unternehmen zumindest den Versuch, ein klein wenig des Erlebten und Erlernten in unser Verhalten zu integrieren. Weniger Wertung, mehr Respekt. Weniger Misstrauen, mehr Bauchgefühl. Und vielleicht auch ein wenig mehr Ruhe und Raum, um den Rückkehr-Crash abzufedern. Durch Zeit zum Nachwirken im Inneren und weniger Plattitüden von außen: „Und, wie war’s?“ sollte in meiner Welt nur gefragt werden, wenn echtes Interesse an einer Antwort besteht. Denn wer reist, hat meist viel zu erzählen. Geschichten, Erlebnisse und Begegnungen dürfen weiterleben. Auch das gehört dazu. Und wenn mein Bauch spürt, dass hierfür kein Platz ist und die Frage gar nicht auf eine tiefe Antwort abzielt? Dann antworte ich einfach nicht mehr. Um es mit den bedächtigen Worten des Ältesten Gerald zu sagen: „Wenn die Leute nicht zuhören, dann gehe ich. Ich gehe einfach weg.“








