Ein langes Wochenende, zwei Studienfreundinnen, ein See, ein Fluss und dazu der Luxus, sowohl draußen im Zelt als auch in Guts- und Herrenhäusern zu übernachten: Das Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern überrascht mit viel Ruhe, leckerem Kuchen und spannenden Geschichten.
Das mit den Geschichten geht gleich am ersten Abend los: Dörte und ich haben uns im Gutshaus Gevezin einquartiert. Lange haben wir uns nicht gesehen. Da gibt’s im Salon bis spät in die Nacht viel zu erzählen. Und über Gutshäuser gibt es sowieso immer viel zu erzählen. Geschätzte 12.000 bis 17.000 gibt es davon im gesamten südlichen Ostseeraum, über 2.000 alleine in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sind verbunden durch ihre frühe Architektur- und Nutzungsgeschichte: Guts- und Herrenhäuser waren Zentren des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Solange, bis Umnutzungen, Niedergang und teil mehr, teils weniger erfolgreiche Neubelebungsversuche starteten. Heute haben sich viele der herrschaftlichen Anwesen berappelt. Nicht durch Zufall, sondern durch große Leidenschaft, große Budgets und Visionen ihrer neuen Besitzer.
Von Gevezin auf den Tollensesee
Seit 2013 ist unsere Gastgeberin Iris Tischer Gutshausbesitzerin. Mit Gevezin hat sie sich einen lang gehegten Traum erfüllt. „Als ich das Haus im Internet sah, bin ich gleich am nächsten Tag hingefahren“, erinnert sich Iris Tischer. Sie betrat eine Baustelle, bekräftigte ihr Interesse und campierte in der Entscheidungsfindung drei Nächte lang mit Luftmatratze und Schlafsack vor dem Kamin. Iris Tischer lacht auf: „Abends habe ich mir damals auf einem Einmalgrill Würstchen gebraten.“
Heute ist das 1912 errichtete Gutshaus Gevezin ihr Zuhause. Sie teilt es mit Gästen, die diesen Ort ähnlich schätzen wie sie – und wie Dörte und ich. Wir lauschen dem nächtlichen Froschkonzert vom steinernen Balkon unserer Suite aus und genießen den ruhigen Morgen zwischen Frühstückstisch und Park.
Ich könnte Iris Tischer noch stundenlang zuhören, während wir in der wohligen Wärme der Aprilsonne sitzen. Doch Dörte und ich haben heute noch etwas vor: Wir starten mit einer Tagestour um den Tollensesee in unsere Paddelauszeit. Entspannte 23 Kilometer beträgt die Umrundung. Das ist für uns beide die Kategorie Halbtagestour. Wenn man allerdings gleich am Anfang ausgiebig trödelt, guckt und fotografiert, kann auch aus einer kurzen Paddelstrecke ein Ganztagesunterfangen werden, das sich prima bis zum Sonnenuntergang auskosten lässt.
Seeumrundung auf die entspannte Tour
Wir legen im harten Mittagslicht am kleinen Sandstrand neben dem Segelverein Neubrandenburg ab, halten uns rechts und biegen schon bald in den Neubrandenburger Oberbach ein. An dessen Ende liegt nicht nur die olympische Kaderschmiede der Nachwuchskanuten. Bunte Bootshäuser reihen sich hier wie Hausscheiben in Siedlungsstraßen aneinander. Fotomotiv um Fotomotiv greift unsere Aufmerksamkeit.
Die tatsächliche Mittagszeit ist längst verstrichen, als wir am Campingplatz Gatsch Eck anlegen. Ein Strand, etwas Buschwerk, Schatten. Hier lassen wir uns nieder. Für eine Pause, die wir auch wieder vertratschen. Offenbar haben wir uns schnell eingefunden in den Entspannungsmodus. Ein gutes Zeichen, für uns beide.
Auch auf der Weiterreise sind unsere beiden Kajaks die einzigen auf dem See. Es ist ruhig, während am Ufer Feierabendgrillrunden in Gange sind. Wir freuen uns auf unseren Feierabend im Gutshauszimmer. Die freistehende Badewanne möchte ich unbedingt noch testen, ehe wir am nächsten Tag immerhin etwas früher zu unseren zwei Tagen auf der Tollense starten.
Ein Eisvogel, ein Fuchs und sehr viel Ruhe
Das Auto bleibt an der Einsetzstelle Mittelste Straße stehen. Von hier uns sparen wir uns das zweimalige Umtragen in Neubrandenburg und paddeln nach etwas Gepäckstopferei gemächlich los. Die Natur wechselt gerade ihr gräuliches Winterkleid gegen frisches Frühlingsgrün. Weiden neigen sich über uns; knorriges Wurzelwerk begegnet uns an den Ufern auf Augenhöhe. Ein Eisvogel saust gleich zum Start an uns vorbei.
Wir werden an unseren zwei Tagen auf der Tollense keinem weiteren Paddler begegnen. Ich habe die Worte von Anne Buht im Ohr, welche die Kanustation Klempenow am Ende unserer Tour führt: „Auf der Tollense kannst du stundenlang alleine sein und zwischendurch auch einfach mal ins Wasser springen.“ Auf den Sprung ins Wasser verzichten wir; es ist doch noch frisch so früh im Jahr. Dafür beobachten wir einen Fuchs, der am Ufer entlang schleicht. Dörte wird neugierig von Pferden auf einer Koppel beäugt. Hier und da fliegt ein Graureiher auf. Mehr Action gibt es nicht auf der Tollense.
Wir hören auf zu reden, tauchen gemächlich die Paddel ein, lassen die Blicke über sattes Grün und sanft ansteigende Rapsfelder gleiten. Unsere erste Etappe führt uns auf 20 Kilometern bis nach Altentreptow. Wir wählen die Anfahrt über den Randkanal. Die ist etwas kürzer als der (angeblich) schönere Weg über die Tollense. Doch haben wir uns für die Zeltnacht für einen noch recht neuen Platz am linken Ufer des Randkanals in Altentreptow entschieden.
Außer uns steht hier nur ein Camper. Der Blick auf einen Garagenhof oberhalb des Wiesenplatzes stört kaum. Der Platz ist weitläufig. So weitläufig, dass ich mich mal wieder nur schwer entscheiden kann, wo ich das Zelt aufschlagen möchte. Nudeln aus meiner alten Heimat, Pesto aus schwedischem Bärlauch – der Abend klingt lecker und gemütlich aus, wenngleich völlig anders als eben in einem Gutshaus.
Zeltnacht, Kuchen und ein vergessener Spanngurt
Was Gutshauspark und Zeltwiese gemein ist, ist die morgendliche Gemütlichkeit in der Sonne: Wir ziehen das Frühstück ordentlich in die Länge, bis es uns schließlich umtreibt, die Boote zu packen und sie über den kleinen, fast unscheinbaren Steg wieder zu Wasser zu lassen.
Nach nur 1,5 Kilometern ist es soweit: Wie müssen umtragen. Die Stelle in Altentreptow ist zum Glück die einzige auf der gesamten Strecke. Dennoch ächzen wir beide still vor uns hin: Wir sind Seekajaker und die Sache mit dem Umtragen liegt uns einfach nicht im Blut. Wie wunderbar, dass neben der Ausstiegstelle die Beachbar „Treptower Eisvogel“ liegt! Bei Betreiber Martin Kreibig gönnen wir uns eine kleine Pause und erfahren, dass man hier auch Kanus mieten kann.
Ich leihe mir von Martin nur einen Spanngurt für den Bootswagen. Den habe ich Profi-Flusswanderin nämlich glatt im Auto vergessen. 🤭 DANKE, Martin, für Deine Unterstützung!
Das Einsetzen ist eine akrobatische Angelegenheit mit zwei langen Seekajaks und es zeigt sich mal wieder: Flusstouren fährt man einfach besser mit PE-Booten. Die sind zumindest etwas unempfindlicher. Überhaupt ist das mit den nicht gerade komfortablen Anlegestellen entlang der Tollense die einzige Sache, die – in Anbetracht sonst hübscher Pausenplätze – noch so gar nicht ideal ist. (Liebe Verantwortlichen: Da darf gerne nachgebessert werden. Eure Region und der Fluss sind nämlich wirklich schön.)
In Mühlenhagen, nur eine knappe Paddelstunde später, steigt die Laune wieder an: Im „Café Lavender“ des Naturerlebnisparks Mühlenhagen serviert Inhaberin Nadine Oswald Schmand-Mandarinen-Kuchen. Ich bekomme einen Vorgeschmack auf das, was Gäste hier an den Wochenenden erwartet. Dann nämlich backt die gebürtige Hamburgerin bis zu 21 Kuchen und Torten, von der Rohkost- bis zur üppigen Sahnetorte. Etwa 15 Minuten dauert der Spaziergang zurück zur Anlegestelle. Dörte hat auf mich gewartet. So ganz ideal ist nämlich auch diese Ausstiegsstelle nicht, trotz nettem Pausenplatz. So haben wir die Boote auf dem Steg liegen lassen und Dörte hat sie bewacht. Schließlich weiß man nie, ob nicht doch wer anders anlegen möchte, während man selbst dem Tortengenuss frönt …
Zum Abschluss ins Landgrabental
Mal in engen, mal in weiten Kehren mäandriert die Tollense vor sich hin. Hinter Mühlenhagen fragen wir uns, wo genau wohl in dieser Ecke einst gekämpft wurde: Das Tollensetal gilt als das älteste bekannte Schlachtfeld Europas. Obwohl seit 2007 intensiv geforscht wird, gibt diese bronzezeitliche Fundstelle bis heute viele Rätsel auf. Man weiß nicht, warum genau hier Kämpfe stattgefunden haben. Was man weiß: Es waren Tausende Menschen und ungewöhnlich viele Frauen an den Geschehnissen um 1250 vor Christus beteiligt.
Als Dörte und ich auf den breiten, komfortablen Steg der Kanustation Klempenow zufahren, steht Anne Buht schon bereit. Herzlich werden wir empfangen, sind noch mit Schwimmwesten und Spritzdecken am Leib gleich mittendrin. Nebenan, vor der Burg Klempenow, wird gerade das Walpurgisfeuer entzündet. Es riecht nach Pizza, der Platz füllt sich.
Wieder reißen wir uns los, lassen uns von Annes Schwester zurück zu unserem Auto fahren, laden aus und um und kommen am späten Abend an unserem letzten Stopp für diese kleine Auszeit an: Damit das mit der Kombi aus Gutshäusern und Paddeln ausgewogen ist, nächtigen wir zum Abschluss im Schloss Zinzow. Das liegt eine halbe Autostunde östlich von Klempenow, im Landgrabental. Hier besuchen wir am nächsten Tag eine Herde Wasserbüffel und die schlosseigene Brennerei, die von der Eigentümerfamilie Vielhaber betrieben wird.
Noch lange werden die Eindrücke und die Begegnungen dieses kleinen Abenteuers nachwirken. Dörte und ich sind uns einig: Paddeln und Gutshausnächte sind eine absolut feine Angelegenheit – ganz besonders früh und spät im Jahr. Wir jedenfalls schmieden schon fleißig Pläne für einen winterlichen Besuch. Dann, wenn Sauna, Kamin und Badewanne einen noch größeren Reiz ausüben als an frühlingshaften Sonnentagen.
Infos & Tipps
Die Tollense:
Die Tollense ist ein 63 Kilometer langer, mit geringer Strömung fließender Fluss südlich von Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern. Auf ihrem Weg nach Demmin, wo sie in die Peene mündet, durchfließt die Tollense ein eiszeitliches Urstromtal. Sie ist entspannt zu paddeln, mit viel Ruhe, viel Natur und mit auf der 36 Kilometer langen Strecke zwischen Neubrandenburg und Klempenow nur einem Wehr, das umtragen werden muss.
(!) Da die Tollense über den Sommer stark verkrautet, ist eine Tour im April/Mai oder spät im Jahr zu empfehlen. Jenseits der Feiertagswochenenden hat man es dann, so wie wir, rundum sehr entspannt und genießt die Ruhe dieses insgesamt noch wenig befahrenen Flusses.
Hinweis: Als wir unterwegs waren, war die Durchfahrt zur Umtragestelle in Altentreptow schwierig zu finden. Haltet Euch, vom Randkanal kommend, links. Da gibt es eine kleine Durchfahrt in der Schwimmkörperabsperrung. Danach haben wir uns dicht am rechten Ufer gehalten; da kamen wir gut durch und waren dann fix auf Höhe des Ausstiegs auf der linken Seite.
Mein Tipp: Auch wenn wir die Tollense recht problemlos mit unseren GFK-Booten gefahren sind, empfehle ich für Flusstouren wie diese ein PE-Boot. Hier und da ragt ein Stein aus dem Wasser, niedrige Wasserstände, die mitunter hakeligen Ein- und Ausstiegsstellen … Da ist man mit einem robusten PE-Boot gut aufgestellt.
Der Tollensesee:
Südlich an die Stadt Neubrandenburg grenzt der Tollensesee an. Auch er ist paddelbar. Die Umrundung beträgt 23 Kilometer. Seine Lage im Landesinneren und sein Tiefe von bis zu 33 Metern machten ihn während des Zweiten Weltkriegs zur Toplocation für eine Torpedoteststrecke. Von der einstigen Kommandozentrale sind heute nur noch Trümmer übrig; sie geben der Trümmerinsel, welche ein beliebtes Revier für Taucher ist, ihren Namen.
Mein Tipp: Unbedingt einen Paddelabstecher in den Oberbach mit seinen bunten Bootshäusern machen!
Tourlogistik:
Für eine Tagestour auf dem Tollensesee kann man gut am Sandstrand neben dem Segelverein Neubrandenburg einsetzen und das Auto auf dem großen Parkplatz direkt an der Zuwegung parken.
Eine gute Einsetzstelle für die Tour auf der Tollense ist die Mittelste Straße in Neubrandenburg. Achtung: Auch wenn die irgendwann nicht mehr nach Straße aussieht, ist die Anfahrt richtig und man kann am Ende der Straße parken. Der Einstieg erfolgt dann direkt am Ufer, ein paar Meter flussabwärts. Mit dem Einstieg hier anstatt am Tollensesee spart man sich zwei Umtragestellen im Stadtgebiet.
Einen Transfer zurück zum Auto kann man über die Kanustation Klempenow organisieren.
Wer auf dem Weg noch etwas einkaufen möchte, kann dies vor dem Start gut in Neubrandenburg und unterwegs in Altentreptow tun. Auch dort gibt es – unweit der Umtragestelle, auf der in Fließrichtung rechten Seite der Tollense – mehrere Supermärkte.
Übernachten:
Am Tollensesee kann man sich zwischen Mitte April und Ende Oktober auf dem Campingplatz Gatsch Eck einrichten.
Auf dem von uns gepaddelten Abschnitt der Tollense gibt es in Altentreptow zwei Wasserwanderrastplätze: einen nach der Umtragestelle auf der rechten Seite und einen am Ortseingang links, direkt am Randkanal. Wir haben den Platz am Randkanal getestet und für gut befunden. Man steigt an einem kleinen Steg aus und findet direkt oberhalb davon eine große Wiese fürs Zelt, ein Dixiklo sowie einen Wasserkanister zum Händewaschen vor. Der Platz wird von Mario Vogel betrieben, bei dem man auch Kajaks, Kanus und Zubehör leihen kann und der ebenfalls einen Transfer anbietet. Die Übernachtung kostet 6 Euro pro Person.
In Klempenow übernachtet man gemütlich und direkt unterhalb der Burg an der Kanustation Klempenow. Hier geht es entspannt und familiär zu. Und auch hier kann man Kanus, SUPs und Zubehör mieten und über Betreiberin Anne Buht einen Transfer organisieren.
Mein Tipp: Mach es wie wir und gönn Dir rund um Deine Paddeltage eine kleine Auszeit in einem der vielen Guts- und Herrenhäuser in der Region! Auf Schloss Zinzow wohnst Du in großzügigen Ferienwohnungen, im Gärtner- oder im Kutscherhaus. Das Gutshaus Gevezin wartet mit drei individuell eingerichteten Suiten und einem Doppelzimmer auf. Dazu gibt’s eine schöne Gemeinschaftsküche, eine Sauna, ein Kino und einen Billardraum.
Landgang-Tipp 1:
Stadtbummel Neubrandenburg
Wir haben uns am Anreisetag Neubrandenburg angeschaut. Ein guter Auftakt! Mit einem Besuch in der architektonisch wie akustisch besonderen Konzertkirche und mit einer Stadtführung entlang der Stadtmauer und zu den imposanten Toren der Stadt. Außerdem gibt’s in derBehmenstraße 1 (Innenstadt) einen Regiomaten mit Honig, Suppen im Glas, Käse und Aufstrichen. Perfekt für die Tourversorgung!
Landgang-Tipp 2:
Spaziergang durch das Landgrabental
Feuchtwiesen, Moore, Trockenrasenhänge, Hecken, Bodendenkmäler und weitläufige Parkanlagen wie rund um Schloss Zinzow: Das gut 4.000 Hektar umfassende eiszeitlich geformte Landgrabental ist ein ebenso ruhiges wie artenreiches Landschaftsschutzgebiet. Hier leben unter anderem Braunkelchen, Schreiadler und Wasserbüffel. Im zeitigen Frühjahr und im Herbst kann man hier Tausende Kraniche auf ihrem Weg nord- bzw. südwärts beobachten. Ein Spaziergang durch das Landgrabental ist ein schöner Abschluss der Entdeckerzeit rund um die Tollense! ![]()
Alle Links und Informationen: Stand Mai 2026
Dieser Artikel entstand im Rahmen einer unterstützen Recherchereise für Reportagen in Outdoor-Magazinen. Ein großes DANKE an alle Partner vom Schlösser, Guts- und Herrenhäuser MV e.V., vom Tourismusverband Vorpommern e.V. und von der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg für die angenehme Zusammenarbeit.
DANKE auch an Dich, liebe Dörte, für Deine Begleitung, die Geduld bei den Fotosessions und die schönen Bilder von mir. ![]()








