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Draußen: Der Ort für pure Ehrlichkeit

Gibt es etwas, das ehrlicher ist als die Natur? Im Draußen ist kein Platz für Manipulation, Neid oder Hierarchiegehabe. Entscheidungen haben unmittelbare Konsequenzen und können lebensentscheidend sein. Während draußen der Ort ist, an dem ich mich so frei und echt und wohl fühle wie sonst nirgends.

Seit über zehn Jahren bin ich oft und gerne alleine in der Natur unterwegs. Ich bin zu Tagestouren mit dem Kajak losgezogen, aus denen Mehrtagestouren wurden. Ich habe den Rucksack gepackt und bin zu meiner ersten Solo-Fernwanderung aufgebrochen, die der Anstoß für mehr war: Eine Nacht draußen, ein erster Pilgerweg, Auszeiten mit Rucksack und Zelt. Am Anfang überwogen Neugier, Erlebnis und das Urlaubige. Inzwischen bin ich mir selbst und dem, was mir an diesem Draußensein so guttut, näher gekommen. In schleichenden Prozessen, von denen ich so ganz bewusst selten etwas mitbekommen habe.

Wer sich in der Natur bewegt, lernt vieles. Über die Umgebung und über Landschaftsformen, das Wetter, die eigenen Grenzen und die mentale Verfassung. Man lernt durch Erlebnis, Erfahrung und Reflexion. Und vor allem lehrt mich die Natur, neben der Anwendung von Vernunft und Vorwissen auf die Stimme des Bauches zu hören. Die Sicherheit steht an oberster Stelle, meine eigene und die von anderen. Das gilt für das Verhalten bei drohendem Gewitter ebenso wie an Tagen, an denen ich mich nicht gut fühle. Und das gilt auch für das Miteinander im Draußen.

Hallands Väderö_Andrea C. Bayer_Kopffreitage.de

Wohlfühlzeit

Für mich ist es wichtig, dass sich alle wohlfühlen. Der Fokus ist ein anderer, wenn ich mit meiner Familie oder mit Freunden unterwegs bin. Dann steht die gemeinsame Zeit im Mittelpunkt. Streckenlängen und Tempo sind unwichtig und so anzupassen, dass wir das gemeinsame Wohlfühlen erreichen. Das war für mich schon immer natürlich. Ich brauche kein „früher war ich so sportlich“ oder „ich kann halt nicht so weit gehen“ als Entschuldigung für das, was wir zusammen unternehmen. Früher ist früher, heute ist heute. Und heute möchte ich eine gute Zeit mit lieben Menschen haben, wenn ich mich bewusst für diese entscheide. Ich möchte Erlebnisse teilen, reden, schweigen und das tun, was sich situativ richtig anfühlt.

Dazu gehört es für mich auch, dass Draußenzeit kein Verbalwettkampf um die schnellsten, weitesten, minimalistischsten Läufe werden muss oder ein Be- und womöglich gar Verurteilen von Rucksackgewichten und Ausrüstung. Ist es nicht wunderbar, wenn jeder für sich herausfindet, was ihn glücklich macht und was für ihn gut funktioniert? Ganz echt, ehrlich und individuell.

Für mich kann Glück im Draußen mal Anstrengung und Herausforderung bedeuten und mal der vollkommen stille Moment, den ich alleine genieße. Es kann die Solotour auf dem Wasser sein oder das Trekking zusammen mit einer lieben Freundin. Was es aber sicher nicht ist, sind Touren, die von zwischenmenschlichen Irritationen begleitet werden. In meiner Welt ist draußen der Ort, an dem wir uneingeschränkt ehrlich sein dürfen. Mit Freude und Traurigkeit, mit guten und mit weniger guten Tagen. All das macht uns aus. Positiv damit umzugehen, kann uns viel für den Alltag lehren. Wenn wir vor allem die Ehrlichkeit mit uns selbst zulassen und das Draußen als Safe Space begreifen, in dem kein Platz ist für Manipulation, Neid und falschen Ehrgeiz, werden auch Touren in der Gemeinschaft zu dem, was Draußenzeit doch sein sollte: Pause vom Alltag, Entspannung und ein Auftanken, ob mit Gemütlichkeit oder sportlichem Ansporn.

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Ehrlichkeit statt Irritation

Wer alleine im Draußen besteht, weiß, dass Entscheidungen nicht nur angedacht werden dürfen, sondern getroffen werden müssen. Verantwortung für sich selbst, die direkte Umgebung und womöglich andere, die von Fehleinschätzungen betroffen sein könnten, zu übernehmen, ist kein Spiel, sondern Notwendigkeit. Auch die Vollständigkeit und Funktionsfähigkeit der Ausrüstung gehört dazu. Alleine gibt es kein Backup und keine Tour-light-Version. Das übt, das lehrt und das hat mich über die Jahre in dreierlei Hinsicht stark geprägt:

  1. Zeit mit mir selbst führt zu intensiverem Erkennen von Bedürfnissen, Mustern und auch Grenzen, die gegebenenfalls auch zu kommunizieren sind. Auf Augenhöhe, gleichberechtigt, ohne Wertung.
  2. Tourenplanung, Umplanungen und Durchführungen erfordern Entscheidungen, für die ich ganz alleine verantwortlich bin. Ich lerne immer weiter und meine Sichtweise auf Entscheidungsprozesse verändert sich auf eine für mich positive Art.
  3. Ich fühle mich frei, gut und rundum echt, wenn ich im Draußen bin. Ich wachse daran und bin zugleich verletzlich. Spannungen um mich herum nehme ich intensiv wahr. Auch dann, wenn sie mit mir nichts zu tun haben. Sie stören mein Draußenerlebnis, meine #kopffrei-Zeit und das, was das respektvolle Miteinander ausmacht.

Ist dieses respektvolle Miteinander nicht gegeben, ist’s dahin mit dem Wohlfühlen. Egal, wie sehr man sich abschirmt oder versucht, zu ignorieren. Vielleicht gehören auch solche Proben immer wieder dazu. Ich brauche sie ehrlicherweise nicht. Ich will sie auch nicht mehr. Sie sind überflüssig und haben selten etwas mit der konkreten Situation zu tun, in der sich eine Gruppe draußen befindet. Aus meiner Beobachtung heraus ist genau dann, wenn externe Faktoren, Unzufriedenheiten oder persönliche Missstimmungen zutage treten, die Solozeit angebracht. Um in Ruhe und mit größter Ehrlichkeit dem nachzuspüren, was da irritiert.

nature detail_Andrea C. Bayer_Kopffreitage.de

Natürlich können in Gemeinschaft auch akute Situationen entstehen, die eine akute Bewältigung der Krise oder Minikrise erfordern. Ob das aus der unterschiedlichen Einschätzung einer Wetterlage, einer Verletzung, einem spät kommunizierten Unwohlsein oder einem Unwohlfühlen heraus geschieht: Es gibt unzählige Gründe für Belastungsproben für die Gruppendynamik. Auch dafür sind Ehrlichkeit, Respekt und Besonnenheit gute Begleiter. Auch hier haben falscher Ehrgeiz, Besserwisserei oder Verurteilung keinen Platz. Wir dürfen uns im einen Moment groß und stolz fühlen und im nächsten klein und verletzlich. Dabei sollten wir stets so handeln, dass das Wohlfühlen nicht in Gefahr gerät. Nur so können wir schließlich uneingeschränkt wahrnehmen und tief und ehrlich genießen, was die Natur uns an Schönheit präsentiert.

Zugegeben: Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist keine einfach Übung. Sie kann Stürme an Erkenntnissen und weiteren Irritationen auslösen. Aber sie kann zu dem führen, was Solozeit besonders und Zeit mit anderen Menschen entspannt macht, denn wer mit sich alleine ist, ist auch mit seiner Verantwortung alleine. Kein Abschieben auf andere, keine beleidigten Anfälle, wenn die Manipulationsstrategie offensichtlich wird, und keine Schuldsucherei.

Sie kann so wunderbar, so friedlich und im besten Sinne erinnerungswürdig sein, diese ehrliche Zeit im Draußen. Alleine und in Gesellschaft. Dann, wenn Rücksicht, Respekt und das ehrlich gute Erlebnis im Mittelpunkt stehen. Unausgesprochen, einfach so. Pur und ohne Hintergedanken, wie die Natur selbst es uns vormacht.

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